Veranstaltungsreihe

Was tun gegen Diskriminierung?

Aufstehen gegen Rassismus und die Hotline für besorgte Bürger waren zu Besuch: Eindrücke vom ersten öffentlichen Eutopia-Gespräch.

von Theresa Jeroch 13. März 2017

„Gefühle sind immer echt“, sagt Ali. Es ist der 07. 03. 2017 und das erste öffentliche Eutopia-Gespräch ist bereits in vollem Gang. Der Andrang war größer als erwartet – die Schiebetüren in der Wildenbruchbar stehen weit offen, weil das kleine Hinterzimmer aus allen Nähten zu platzen drohte. Auf dem Podium, moderiert von Eva Stotz und Laetitia Lenel: Anna Müller von der Kampagne Aufstehen gegen Rassismus und eben Ali Can, der „Migrant eures Vertrauens“ von der Hotline für besorgte Bürger. Beide kämpfen gegen Diskriminierung, beide mit gänzlich unterschiedlichen Mitteln. Wie schon im Namen angelegt, solidarisiert sich Aufstehen gegen Rassismus dezidiert mit den Opfern rechter Hetze und Gewalt – einerseits, indem Menschen vernetzt und lokale Bündnisse gegen Rechts konstituiert werden, andererseits durch die Initiative der StammtischkämpferInnen, die über Seminare rhetorisches Geschick im Umgang mit Nazi-Sprech und Parolen vermittelt. Ein von Anna skizziertes Szenario versetzt die SeminarteilnehmerInnen etwa in einen Aufzug: Die Türen schließen sich, eine diffamierende Bemerkung fällt und es bleibt exakt bis zum nächsthöheren Stockwerk Zeit, darauf zu reagieren und sich dagegen zu positionieren. Speziell diese Übung zielt freilich nicht darauf ab, die TeilnehmerInnen in besonnenen Diskussionen zu schulen, vielmehr soll sie helfen, Fassungs- und Sprachlosigkeit zu überwinden. Dieser „Wir gegen die“-Mentalität setzt die Hotline für besorgte Bürger Gespräche mit der „anderen Seite“ gegenüber. Der Name der Initiative ist dabei genauso gemeint, wie er klingt: Unter einer kostenlosen 0800-Nummer erreichen Menschen, die von den „Strömen“, „Fluten“ oder „Horden“ (muslimischer) Geflüchteter verängstigt sind, unter anderem Ali, den „Mustermigranten“, oder Johanna, die „Urdeutsche“, um über ihre Sorgen und Nöte zu reden. Im Sokratischen Gespräch – Ali nennt es „wertschätzendes Nachfragen“ – werden die besorgten Bürger idealerweise dazu gebracht, ihre Wut wie auch ihre Ängste zu hinterfragen und sich neuen Perspektiven zu öffnen. Da ist zum Beispiel die Sache mit den christlichen Werten, um die etwa Pegida-Demonstranten bangen. Was sie unter diesen verstehen würden? Weihnachten. Was Weihnachten für sie denn heiße? Nächstenliebe. Nächstenliebe also? Aha. Es ist zugegeben ein eher simplifiziertes Beispiel; die Realität mag aus dem Video Ali, Weihnacht & Pegida sprechen.

„Gefühle sind immer echt“, sagt Ali jedenfalls, danach gefragt, wieviel Verständnis man denn zeigen soll. Fordern wir Menschlichkeit, müssten wir sie auch denjenigen gegenüber walten lassen, die sich selbst nicht in dieser Tugend üben. Ringsum zeigen sich lange Gesichter in Anbetracht von derart viel Milde. Zum Glück schiebt Anna hinterher, dass klare Positionierung und Solidarisierung trotz allem unumgänglich seien, nicht zuletzt im Netz: #ichbinhier. Als Gespräch und Applaus in einem allgemeinen Aufbruch an die Bar münden, winkt Anna zum Abschied und schwingt sich ihr kleines AfD-Kit über die Schulter. Für die nächste Wahlkampfveranstaltung, wenn sie wieder mit dem Blauen Sack an die Menschenmenge appelliert, rechte Hetze fachgerecht zu entsorgen.


Über Theresa Jeroch

Theresa Jeroch, geboren 1987 in Dresden, studierte Betriebswirtschaftslehre, Kunstgeschichte und Geschichte in Magdeburg, Leipzig und an der Freien Universität Berlin. Seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin ebd. und Promovendin zu kommunikativen Strukturen spätmittelalterlicher Fassaden.

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