Veranstaltungsreihe

Religion und Europa

Für das vierte öffentliche Eutopia-Gespräch kamen Vertreter von Juma (jung, muslimisch, aktiv), der Salaam-Schalom Initiative und der Evangelischen Studierendengemeinde Berlin zu uns. Wir berichten.

von Theresa Jeroch 23. Juli 2017

Gehen ein Muslim, ein Jude und ein Christ in die Wildenbruch Bar: Am 4. Juli sprachen Dennıs Sadık Kirschbaum von Juma (jung, muslimisch, aktiv), Armin Langer von der Salaam-Schalom Initiative und Veronika Weber von der Evangelischen Studierendengemeinde Berlin, moderiert von Eva Stotz und Johanna Richter, über die Bedeutung von Religion im heutigen Europa. Zugegeben kam eben dieses unser Kernanliegen, Europa, in der Diskussion etwas kurz, weil – O-Ton der drei Vertreter – bereits der lokale Dialog schwierig genug sei. Aber von vorn:

Initiativen – zumal von Religionen, deren Zugehörigkeit zu Deutschland von Teilen der Bevölkerung dementiert wird – haben natürlicherweise eine andere Gründungsmotivation als eine evangelische Gemeinde. Letztere soll es jungen Menschen ermöglichen, Christentum spezifisch studentisch zu leben.  So übernimmt das Pfarrteam der ESG klassische Aufgaben wie Gottesdienste sowie Seelsorge, man findet sich für Freizeitangebote und Engagement für Geflüchtete zusammen und organisiert Gemeindeabende, in denen politische Diskussionen und interreligiöser Dialog auf der Tagesordnung stehen. Jener wiederum ist schon im Namen der Salaam-Schalom Initiative angelegt, die, wie in diesem Clip zu sehen ist, 2013 für Juden, Muslime und ihre Freunde gegründet wurde und das gemeinschaftliche Zusammenleben vor allem in Neukölln fördern möchte, das laut Armin in aller Beteiligten Verantwortung liegt. Gleichzeitig will man als nachbarschaftliche Begegnungsstätte dem zunehmenden Antisemitismus wie auch dem  Misstrauen gegenüber Muslimen entgegenwirken. Letzteres spielt selbstredend ebenso für Juma eine Rolle. Als 2010 schon einmal die Debatte um den Islam in Deutschland emotional entflammte, initiierte die Senatsinnenverwaltung zusammen mit verschiedenen islamischen Verbänden diese Gemeinschaft, um jungen Muslimen eine Stimme zu geben, die im Übrigen eher selten zu Wort kommen. Wer Frank Henkel, den ehemaligen Schirmherrn des Projektes, Sympathiepunkte sammeln sehen möchte, ist mit diesem Infotrailer von Juma gut beraten. Er findet es nämlich richtig toll, dass die Mitglieder „selbstbewusst [sagen], Deutschland ist ihre Heimat“. Hach, schön. Damit sei es freilich nicht getan, betont Dennıs, schließlich ist das keine einseitige Entscheidung. Diesen Eindruck zumindest vermitteln die Menschen, die beharrlich zu erfahren wünschen, woher denn nun die Berlinerin kommt, deren Hautfarbe nicht weiß ist. „Also, so ursprünglich.“ Oder von Armin verlangen, sich zur israelischen Besatzung zu positionieren. „Du als Jude.“ Oder von Dennıs, gegen islamistischen Terrorismus auf die Straße zu gehen. „Du als Muslim.“ Oder behaupten, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Dennıs ist Deutscher. Es ist ein Dilemma, welches sich ohnedies in der Berichterstattung über Religionen spiegelt. Der Jude ist entweder Israel oder Opfer, der Muslim Täter und die Kirche, weil man das nämlich über einen Kamm scheren kann, Träger eines altbackenen Weltbildes und Schauplatz etlicher Skandale. Das Alltägliche belehrt eines Besseren: Die ESG wie auch Juma engagieren sich allenthalben politisch, für Geflüchtete und gegen Rassismus. Erstere tritt dezidiert für liberale Werte ein, letztere bringt junge Muslime unterschiedlicher Herkunft und religiöser Identität ins Gespräch über die Ehe für alle, Genderfragen und Gleichberechtigung. Die medialen Blasen, in der sich verschiedene Gesinnungen sammeln: sie sollen platzen. Entsprechend lädt Salaam-Schalom – nicht ohne Gegenwind – etwa  erzkonservative Verbände zu ihren Veranstaltungen ein und diskutiert über die Moralvorstellungen, die in Tora und Koran mehr oder minder stringent statuiert wurden. 

Der lokale Dialog also, er verhindert momentan das Nachdenken über Europa. Veronika ist sich dennoch sicher, dass Religion Nationalismus zu überwinden vermag, weil sie global zwar unterschiedlich gelebt werde, aber als verbindendes, identitätsstiftendes Element funktioniere.  Die Motivation des Engagements für Interkulturalität hätte auch hier während der Entwicklungen des letzten Jahres zugenommen, sagt Armin. Trump sei – insofern – ein Segen gewesen. Amen.

 

Wer sich übrigens, das nur als Literaturhinweis der Autorin, näher mit dem Alten Testament und Judentum auseinandersetzen möchte, dem sei Erich Fromms „You shall be as Gods“  ­­­̶  eine freilich kontroverse mystisch-humanistische Perspektive  ̶  von 1966 wärmstens ans Herz gelegt.


Über Theresa Jeroch

Theresa Jeroch, geboren 1987 in Dresden, studierte Betriebswirtschaftslehre, Kunstgeschichte und Geschichte in Magdeburg, Leipzig und an der Freien Universität Berlin. Seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin ebd. und Promovendin zu kommunikativen Strukturen spätmittelalterlicher Fassaden.

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