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Plötzlich politisch

Wer es ernst meint damit, den Rechten etwas entgegen zu setzen, muss in die Politik.

von Aljoscha Brell 29. Dezember 2016

Bild: Martin Kraft, https://www.flickr.com/photos/90741600@N03/, CC BY-SA 2.0

Berlin im Dezember. An einem Dienstagabend sitzen Laetitia Lenel und ich im Stadtteil Wedding im Veranstaltungsraum einer kleinen Kommunikationsagentur. Vor, neben und hinter uns: Zwanzig oder dreißig Leute, die meisten zwischen Anfang zwanzig und Ende dreißig. Alle sind wir heute Abend einem Aufruf auf Facebook gefolgt. Die Frage, die verhandelt werden soll: Wie können wir eine Bewegung werden?

Wir, das sind die Repräsentanten einer wachsender Gruppe junger Leute überall in Deutschland, die entschieden haben, etwas gegen den Rechtsruck zu tun. Pegida hat uns mit Sorge erfüllt, der Ausgang des Brexit-Referendums hat uns aufgescheucht, spätestens seit Trump ahnen wir, dass bei den anstehenden Wahlen in diesem Jahr auch in Europa die Karten völlig neu gemischt werden könnten. Gemeinsam ist uns, dass wir bislang kaum Erfahrung mit politischem Engagement gesammelt haben. Politik, das haben bislang die Politiker für uns gemacht. Erstmals spüren wir jetzt: Es läuft nicht. Die bekommen das nicht mehr hin. Wir müssen da ran.

An unserem Dezemberabend im Wedding hören wir viele kluge Dinge. Neben uns erzählt eine junge Frau von den Bestrebungen, eine neue Partei zu gründen, in der vorletzten Reihe berichtet jemand aus der Arbeit in der SPD, wieder jemand engagiert sich bei einer Kampagne, deren Ziel es ist, die AFD bei der Bundestagswahl unter der magischen Hürde von fünf Prozent zu halten.

Am Ende stehen Laetitia und ich in der Kälte, tauschen mit ein paar Teilnehmern Facebook-Kontakte aus. Unser Eindruck: Überall regt sich etwas. Aber: Auf dreißig Teilnehmer kommen dreißig Initiativen, alle arbeiten an etwas, alle in unterschiedliche Richtungen. Eine Bewegung sind wir heute Abend nicht geworden.

Auf Euphorie folgt schnell Ernüchterung

Während des vergangenen Jahres habe ich an einer ganzen Reihe von Treffen, Barcamps und Kickoff-Meetings wie demjenigen im Wedding teilgenommen. Bei jedem dieser Treffen sind mir offene, intelligente junge Leute begegnet, die in ihrem Berufsleben einiges auf die Beine gestellt haben. Erstaunlich viele haben einen Startup-Hintergrund: Sie wollen die professionelle Rastlosigkeit, mit der sie ihre Unternehmen gegründet haben, ins Politische tragen.

Gerade dort aber, wo es nicht bei einem ersten Treffen bleibt, macht sich nach der anfänglichen Euphorie schnell Ernüchterung breit. Was sich konkret gegen den Erfolg der Rechtspopulisten unternehmen lässt, ist bei näherem Hinsehen ziemlich unklar. Müsste es nicht darum gehen, die „Abgehängten“ wieder anzuhängen? Sollte man sich dazu vielleicht lieber einer der etablierten Parteien anschließen? Oder sollte man – wie die junge Dame im Wedding – eher eine eigene Partei gründen? So vergehen die Abende in Diskussionen.

Denn wir wissen nicht, was wir wollen

Dass wir alle nicht so recht wissen, wie sich sinnvolles politisches Engagement organisieren lässt, liegt in der Natur der Sache. Wir waren bislang mit anderen Themen beschäftigt. Trump, Le Pen, Hofer und Wilders mögen gemeinsame Gegner sein; aber gemeinsame Gegner werden nicht ausreichen, um uns zur Bewegung zusammen zu schweißen. Wir wissen, was wir nicht wollen. Aber wenn wir uns fragen, was wir wollen, was wir den Rechtspopulisten inhaltlich entgegen setzen, kommen wir ins Schwimmen.

Das hat Gründe. Zum einen schwingt in dem Bedürfnis, etwas zu tun, ein konservativer Impuls mit: Es geht uns darum, die offene Gesellschaft mit all ihren Freiheiten zu bewahren. Sie ist uns nicht zuletzt deshalb so lieb und teuer, weil wir die ersten sind, die von ihr profitieren.

Zum anderen sind auch wir längst nicht mehr sicher, ob das, was wir da bewahren wollen, wirklich so bewahrenswert ist. Europa? Unbedingt! Die EU? Die Brüsseler Bürokratie? Die am Rand Europas Flüchtlinge aus dem Wasser fischt, um sie auf schnellstem Weg zurück in vermeintlich sichere Heimatländer zu verschiffen? Überhaupt, sind diese Demokratien, in denen wir leben, nicht von Lobbyisten durchsetzt, die die Interessen von Monsanto & Co. in die Parlamente tragen? Haben nicht die Krisen der vergangenen Jahre gezeigt, dass die Idee vom immerwährenden Wachstum eine Mär ist?

Kein Wunder, dass am Ende zahlloser Meetups und Barcams regelmäßig die Systemfrage gestellt wird. Was fehlt, heißt es, ist eine neue Erzählung für Europa, für die Demokratie. Eine Vision, die soziale Gerechtigkeit mit Freiheit und Sicherheit verbindet – so ähnlich wie jetzt, nur irgendwie anders. Nicht ohne eine gewisse Verzagtheit finden uns wieder in der ungewohnten Rolle desjenigen, der etwas bewahren will, von dessen Wert er nicht vollends überzeugt ist. Das ist fatal, denn auf der anderen Seite stehen die euphorisierten Rechtspopulisten, die mit nihilistischer Lust daran arbeiten, den Status Quo einzureißen.

Wir müssen in die Politik

Damit wir Erfolg haben mit dem, was sich da in unseren Gruppen und Initiativen regt, werden wir an zwei Stellschrauben drehen müssen. Einerseits müssen wir nach Innen und Außen die Sichtbarkeit unserer Arbeit erhöhen. Es ist gut und schön, wenn sich in jeder zweiten Straße eine pro-europäische Initiative gründet. Noch besser wäre es, wenn wir voneinander wüssten, wenn wir uns verbündeten, wenn nicht jeder sein eigenes Ding machen würde. Facebook ist voll von Gruppierungen, die zwischen einhundert und achthundert Gefällt-mir-Angaben eingesammelt haben. Daran müssen wir arbeiten. Eutopia – die Plattform, auf der Du diesen Text liest – will einen Beitrag dazu leisten.

Zum anderen kommen wir mittelfristig nicht umhin, über gemeinsame Ziele zu sprechen. Niemand erwartet, dass wir aus dem Stand mit perfekt formulierten Programmen und Manifesten daherkommen. Im Gegenteil, wer sich sein Leben lang nicht um Politik geschert hat, der wird eine Zeit des Ausprobierens und Experimentierens brauchen, um die eigenen Positionen zu finden und zu festigen. Diejenigen von uns (und es sind nicht wenige), die ihr professionelles Leben im Digitalgeschäft verbracht haben, wissen um den Wert von Prototypen und User-Tests. Wir haben das Handwerkszeug, um komplexe Situationen voller Unwägbarkeiten auszuloten. Diese Erfahrungen bringen wir jetzt ein. Trotzdem gilt: Ohne Ziele kommen wir nicht weiter. Wenn wir etwas bewegen wollen, dann geht das nur, wenn wir festlegen, was. Denn auch hier gilt: Die Rechten wissen, was sie wollen. Sie streben eine Rückkehr in die vermeintlich einfachere Welt der durch Grenzen eingehegten Nationalstaaten an. Sie wollen die offene Gesellschaft zurückdrehen. Wer sich ihrer Agenda entgegen stellen möchte, muss wissen, was er will.

Last but not least wird es für uns darum gehen, die Bereitschaft zu lernen, Verantwortung in den politischen Institutionen zu übernehmen. Kampagnen zu organisieren ist ein guter Anfang, Texte zu schreiben schult die Diskursfähigkeit. Der beste Blogeintrag der Welt hilft aber nichts, wenn die anderen in die Parlamente einziehen und Einfluss auf das Regierungshandeln nehmen.

Diejenigen, die jetzt den Rechten ihre Stimme geben, tun es nicht aus Fremdenfeindlichkeit – jedenfalls nicht flächendeckend und nicht ausschließlich. Sie wenden sich von den etablierten demokratischen Institutionen ab, weil sie von ihnen nicht mehr gehört werden. Wer es ernst meint damit, den Rechten das Wasser abgraben zu wollen, der muss inhaltliche Angebote machen. Und er muss in der Lage sein, sie umzusetzen. Das aber wird nur gehen, wenn wir die Bereitschaft entwickeln, die Zukunft mitzugestalten, die mit einem Mal wieder sehr offen ist.


Über Aljoscha Brell

Aljoscha Brell, geboren 1980 in Wesel als Sohn einer Ballettlehrerin und eines Opernsängers, hat die ersten 18 Jahre seines Lebens auf einem Bauernhof in der Nähe von Goch verbracht. Nach dem Abitur zog er nach Berlin, um Philosophie und Neuere Deutsche Literatur zu studieren, was er jedoch bald bleiben ließ. Stattdessen arbeitet er heute als Projektleiter in einer großen deutschen Digitalagentur. 2008 war er Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloqiums Berlin, 2009 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste. Sein Romandebüt "Kress" erschien 2015 im Ullstein Verlag. Er ist Vater zweier Kinder und lebt mit seiner Familie in Berlin. Sein Bruder ist der Singer/Songwriter Marcel Brell, dessen Debütalbum „Alles gut, solang man tut“ seit 2014 in den Plattenläden steht.

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