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Macron-Wahl: Eine Atempause. Mehr nicht.

Nach Brexit und Trump verschafft uns die Wahl Macrons zum Staatspräsidenten Frankreichs eine wohlverdiente Atempause. Wir sollten sie nutzen.

von Aljoscha Brell 7. Mai 2017

Lorie Shaull, https://www.flickr.com/photos/number7cloud/CC, BY-SA 2.0 Bild: Lorie Shaull, https://www.flickr.com/photos/number7cloud/CC, BY-SA 2.0

Aufatmen in Europa: Frankreich ist nochmal gut gegangen. Nach Brexit-Referendung und Trump hat die Grande Nation dem Siegeszug der Rechtspopulisten einen Riegel vorgeschoben. Sie hat den Weg der Vernunft gewählt und damit der Europäischen Union die existenzielle Krise erspart, in die sie mit einem Wahlsieg Le Pens mit Sicherheit abgerutscht wäre.

Vorerst. Denn der Sieg Emmanuel Macrons hat nicht nur aufgrund der historisch hohen Zustimmung für Marine Le Pen einen Beigeschmack. In Frankreich wie in allen anderen Ländern, in denen die populistische Rechte während der vergangenen Jahre Erfolge feiern konnten, bleiben die Probleme vollkommen ungelöst, die ihren Aufstieg überhaupt erst ermöglichten. Dazu gehören die Abgehobenheit der politischen Klasse, die in Frankreich das prägende Thema des Wahlkampfs war, genauso wie die Verwerfungen der Globalisierung, der Marine Le Pen den Kampf angesagt hat.

Die französische Präsidentschaftswahl war mit Sicherheit die Folgenreichste in diesem Jahr. Hätten die Franzosen Le Pen in den Élysée-Palast gewählt, es hätte katastrophale Folgen für Europa gehabt. In Deutschland steht uns jetzt die Bundestagswahl bevor. Doch selbst wenn die AFD hier die Zwanzig-Prozent-Grenze knacken sollte (was nach Stand der Dinge kaum passieren dürfte), wird das für den politischen Modus Operandi im Land kaum Folgen haben. Mag sein, dass wir noch eine Überraschung erleben und uns in einigen Monaten an einen Bundeskanzler Schulz gewöhnen müssen. Große Veränderungen wird das alles nicht nach sich ziehen.

Für diejenigen, die sich nach dem Brexit-Referendum erstmals politisch zu betätigen begonnen haben, bedeutet das: Wir haben Zeit gewonnen. Vier Jahre bis zur nächsten Bundestagswahl. Fünf bis zur nächsten Präsidentschaftswahl in Frankreich. Wenn wir es ernst meinen mit der Politik, werden wir diese Zeit nutzen. Es wird uns darauf ankommen müssen, unsere vielfältigen Gruppen und Initiativen zu einer progressiven Bewegung zusammen zu schweißen, die den Herausforderungen, vor denen wir stehen, mit konkreten und innovativen Lösungen begegnet, und die mit den Rechten um die Herzen und Köpfe der Menschen in den Ring steigt.

Die Rechten haben heute eine Niederlage erlitten. Sie werden daraus ihre Lehren ziehen. Verschwinden werden sie nicht. Die Wahl Macrons hat uns eine Atempause verschafft – die Möglichkeit, kurz zu verschnaufen. Mehr aber nicht.

 


Über Aljoscha Brell

Aljoscha Brell, geboren 1980 in Wesel als Sohn einer Ballettlehrerin und eines Opernsängers, hat die ersten 18 Jahre seines Lebens auf einem Bauernhof in der Nähe von Goch verbracht. Nach dem Abitur zog er nach Berlin, um Philosophie und Neuere Deutsche Literatur zu studieren, was er jedoch bald bleiben ließ. Stattdessen arbeitet er heute als Projektleiter in einer großen deutschen Digitalagentur. 2008 war er Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloqiums Berlin, 2009 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste. Sein Romandebüt "Kress" erschien 2015 im Ullstein Verlag. Er ist Vater zweier Kinder und lebt mit seiner Familie in Berlin. Sein Bruder ist der Singer/Songwriter Marcel Brell, dessen Debütalbum „Alles gut, solang man tut“ seit 2014 in den Plattenläden steht.


Dieser Artikel gehört zur Initiative " Eutopia ". Mehr über die Initiative erfährst Du hier.

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